Anders l(i)eben in Franken Teil 3 – Der lange Weg zur richtigen Geschlechtsidentität

Wenn ein Baby auf die Welt kommt, wird das Geschlecht anhand dessen festgelegt, was zwischen den Beinen zu sehen ist. Doch dies muss nicht zwangsläufig zu der persönlichen Geschlechtsidentität des späteren Heranwachsenden passen. In diesen Fällen handelt es sich um Transidentität. Eine geschlechtsangleichende Operation (GaOp) ist eine Möglichkeit, ist aber nicht für jeden Trans*Menschen der richtige Weg.

Eine kleine Rückblende

Im letzten Teil haben wir uns damit beschäftigt, wie Trans*Menschen ihre richtige Geschlechtsidentität anerkennen lassen können. Dabei wurde die Geschichte der Schulleiterin und 1. Vorsitzenden von Trans-Ident e. V. Sandra Wißgott beschrieben. Sie ging den Weg gemeinsam mit ihrer Frau und den drei Kindern. Nicht so weit ist Lukas. Der 24-jährige Student aus Ansbach befindet sich fast noch am Anfang eines langen Weges. Dieser ist geprägt von einigen Unsicherheiten.

In Teil 3 wollen wir die nächsten Schritte ergründen, die Trans*Menschen zur richtigen Geschlechtsidentität beschreiten.

Letzte Hürde: Geschlechtsangleichung

Für Trans*Menschen ist es ein Gefühl des Glücks und der Erleichterung, wenn sie im Alltag als die Person mit dem Geschlecht wahrgenommen werden, das ihrem wirklichen Selbst entspricht. Eine gute Unterstützung bildet eine entsprechende Hormonbehandlung. Wird die Transidentität vor der Pubertät anerkannt, bewirken Hormonblocker eine Verzögerung der Geschlechtsreife. Im Erwachsenenalter bewirkt die Hormontherapie, also die Zufuhr von Östrogen oder Testosteron, dass die Person sozusagen eine zweite Pubertät durchläuft. Zusätzliches Stimmtraining beim Logopäden hilft, die eigene Geschlechtsidentität nach außen zu verwirklichen.

Ein normales Leben als Mann oder Frau führen zu können ist das Ziel. Doch gewisse biologische Gegebenheiten verschwinden nicht nach der Personenstandsänderung oder einer Hormonbehandlung. Einige transidente Menschen widersetzen sich zwar dem gesellschaftlichen Druck, als Frau eine Vagina oder als Mann einen Penis haben zu müssen. Dennoch leiden viele darunter, nicht anatomisch korrekt zu sein.

GaOp: Geschlechtsangleichende Operation

Um dieser seelischen Belastung entgegenzutreten, bieten spezialisierte Kliniken die geschlechtsangleichenden Operationen (GaOP) an. Die Kosten für solch eine OP übernehmen in der Regel die Krankenkassen. Die Bezeichnung >>Geschlechtsumwandlung<< wurde und wird zwar noch häufig genannt, ist jedoch falsch. Betroffene werden nicht in ein anderes Geschlecht umgewandelt. Mit Hilfe einer GaOP wird ihr Körper an ihr tatsächliches Geschlecht angepasst.

Hierbei werden sämtliche inneren und äußeren Geschlechtsorgane entfernt bzw. angeglichen. Bei Transmännern beispielsweise umfasst dies u. a. die Entfernung der Brüste (Mastektomie), der Eierstöcke (Ovarektomie) als auch der Gebärmutter (Hysterektomie). Durch den sog. Penoidaufbau (Phalloplastik) wird der Penis rekonstruiert. Dies stellt zugleich die anspruchsvollste und komplizierteste OP in diesem Bereich dar.

Transgender Flagge

Die Transidentitätsflagge

Wie jede Operation, birgt auch eine GaOP gewisse Risiken. Neben Infektionen, Nachblutungen oder Narbenbildungen können auch Stenosen (Engstellen) entstehen, die Probleme beim Wasserlassen verursachen. Wer sich für eine geschlechtsangleichende OP entscheidet, kann dies nicht wieder rückgängig machen. Zudem verlieren Patienten die Fähigkeit, eigene Kinder zu zeugen oder auszutragen. Das Einfrieren von Eizellen oder Spermien ist allerdings möglich.

Wenn Zweifel bleiben

Eine geschlechtsangleichende Operation ist ein Schritt, der gut überlegt sein muss. Aufgrund der Risiken, der nicht immer zufriedenstellenden Ergebnisse, aber auch aus persönlichen Gründen scheuen sich viele Betroffene, eine GaOP vornehmen zu lassen bzw. lehnen sie gar völlig ab. Für Lukas kommt dieser Eingriff ebenfalls (noch) nicht in Frage – trotz des gesellschaftlichen Drucks. „Der Großteil der Leute, mit denen man zu tun hat, wird eh nie sehen, was man zwischen den Beinen hat“, bekräftigt Lukas seine Entscheidung. Bei dem jungen Studenten spielt aber noch ein weiterer Grund hinein, keine Operation durchführen zu lassen. Obwohl er sich meistens männlich fühlt, kommt es dennoch vor, dass etwas Weibliches durchkommt. „Vielleicht drei Mal im Jahr“, so Lukas, „habe ich so ´nen Schuss und will einen Rock anziehen.“ Unweigerlich ruft dieser Gedanke Zweifel bezüglich der Identität auf. „Bei mir ist es ein einziges Hin und Her. Ich denke zu viel nach und informiere mich zu viel.“

Doch was ist, wenn sich Entscheidungen hinterher als falsch herausstellen und nicht rückgängig gemacht werden können? Bin ich vielleicht als Frau zu männlich? Werde ich bei einer Körpergröße von 1,55 m von der Gesellschaft als Mann ernst genommen? Quälende Fragen, die Lukas zeigen, dass seine Selbstfindungsphase noch nicht vollständig abgeschlossen ist. „Zu groß ist die Angst, dass es so ist, und zu groß die Angst, dass es nicht so ist“, erklärt der 24-Jährige das Dilemma hinsichtlich seiner Transidentität. „Was helfen könnte, ist nochmal als Frau zu leben“, zitiert Lukas seinen Therapeuten.

Sandra Wißgott

Sandra Wißgott – Gründerin der Selbsthilfegruppe Trans-Ident und 1. Vorsitzende von Trans-Ident e. V.

Womöglich ist Lukas >>genderfluid<<, soll heißen, er fühlt sich mal als Mann, mal als Frau. Dabei schießt mir die Frage in den Sinn, ob es für die Gesellschaft wichtig ist, sich für ein Geschlecht entscheiden zu müssen? Sind wir so sehr auf Kategorien, Schubladen und Gruppierungen fixiert, dass wir Menschen, die sich nicht einordnen lassen oder wollen, nicht akzeptieren und respektieren können? Eine Person definiert sich schließlich nicht durch ein Geschlecht, sondern durch deren Werte, Mitgefühl, Humor und den Respekt vor anderen.

Auf die Frage, was er anderen mit auf den Weg geben möchte, antwortet Lukas: „Man soll sich Zeit nehmen und nicht unter Druck setzen lassen und einen Sch*** drauf geben, was die Gesellschaft sagt.“ Was sich Sandra Wißgott wünscht, was Transidentität in unserer Gesellschaft darstellen sollte, lässt sich in einem abschließenden Wort zusammenfassen: „Normalität.“

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Anders l(i)eben in Franken Teil 2 – Der lange Weg zur richtigen Geschlechtsidentität

Nicht immer sind geschlechtsspezifische Stereotype und biologische Gegebenheiten zutreffend – noch fühlen sie sich für manche Menschen richtig an. Wenn ein Michael weiß, dass er eigentlich Brüste haben sollte oder eine Jenny vergeblich auf ihren Bartwuchs wartet, dann hat das nicht unbedingt etwas mit pubertärer Verwirrtheit zu tun, sondern in vielen Fällen mit Transidentität.

Jan Degner

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