Magersucht: Wenn die Seele Hunger leidet

Wird das Tabuthema Magersucht angesprochen, entsteht häufig ein völlig falsches Bild dieser psychischen Erkrankung. Wider Erwarten macht sie auch vor dem männlichen Geschlecht nicht Halt. Oft wird den Jugendlichen mit Unverständnis begegnet und ihre Krankheit unterschätzt.

Was macht man als Kind, wenn sich die Eltern ständig streiten, sich scheiden lassen oder ein geliebter Mensch verstirbt? Wie verarbeitet man solch eine Situation, wenn man sie noch nicht einmal richtig erfassen kann? Der Vater von Mathias S.* hat seine Familie verlassen, als Mathias gerade zwei Jahre alt war. „Der Schmerz sitzt tief und hat mich in meiner kindlichen Naivität beeinflusst“, schildert der heute Anfang 30-Jährige. Kinder sind unfähig eine Situation aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten. Sie sehen sich selbst im Mittelpunkt ihrer eigenen kleinen Welt und können kaum anders, als sich selbst die Schuld für jegliche Ereignisse zu geben. Wie sollen sie auch sonst verstehen, warum eine nahestehende Person ganz plötzlich aus ihrem Leben verschwindet?

Ist man im frühkindlichen Alter mit solch einem Verlust konfrontiert, bemüht man sich meist um jeden Preis, eine derartige Situation in Zukunft zu vermeiden. „Ich habe mein ganzes Leben versucht, meine Mutter zu beschützen und sie nicht alleine zu lassen“, erinnert sich der junge Franke, der sein Leben derart einschränkte, um eine vermeintlich gegenwärtige Gefahr zu verhindern.

Nicht nur das essenzielle Bedürfnis nach Essen wird eingestellt, auch sonst legen Magersüchtige mehr Wert auf das Wohl anderer, als ihren eigenen Erfordernissen nachzugehen. Mathias hatte panische Angst, eine weitere wichtige Person in seinem Leben zu verlieren. Er versuchte daher alles, um seine Mutter nicht zu enttäuschen. „Ich dachte, sie würde mich nicht mehr lieben, wenn ich anfangen würde, meinen eigenen Sehnsüchten nachzugehen.“ Daher begann er, auf seine eigenen Belange zu verzichten und zuhause die Mutterrolle zu übernehmen.

Magersucht SymbolbildIn Deutschland leben in etwa 200 000 Menschen mit Magersucht. Meist sind junge, intelligente und sensible Frauen von dieser Art der Essstörung betroffen. Allerdings lässt sich dennoch auf zehn magersüchtige Mädchen im Schnitt ein Junge zählen. Zusätzlich muss von einer hohen Dunkelziffer ausgegangen werden, da es Männern erheblich schwerer fällt, ihre Schwächen zu thematisieren und professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Auch Mathias litt sieben Jahre an seiner Krankheit, bis er einem Klinik-Aufenthalt zustimmte.

Eine weitere Baustelle, mit der Jugendliche mit Anorexie, wie Magersucht im Fachjargon heißt, mehrfach zu kämpfen haben, ist der Perfektionismus. Nie scheinen sie ihren eigenen Ansprüchen gerecht zu werden und die selbst auferlegten Anforderungen zu erfüllen.
Nicole K.* macht es sich selbst sichtlich schwer: „Ich vergleiche mich in allen Bereichen mit den Besten und schneide dabei notgedrungen schlechter ab.“ Ihre Selbstzweifel werden geschürt und ihr Selbstwert sinkt auf ein Minimum. Zu groß ist ihre Angst zu versagen und andere zu enttäuschen.

Mittlerweile ist die Ansbacherin 21 Jahre alt und hat ihre Krankheit weitestgehend besiegt. Im Alter von 15 Jahren betrug ihr Gewicht lediglich 37 kg, bei einer Körpergröße von 1,60 m. Ein derart starkes Untergewicht kann nicht nur schwerwiegende und langfristige Schäden verursachen, sondern im schlimmsten Fall bis hin zum Tod führen. Typische körperliche Begleiterscheinungen sind Wachstumsstörungen, ausbleibende Menstruation und Unterversorgung essenzieller Organe. Heute macht Nicole einen frohgestimmten Eindruck. Sie hat eine Ausbildung zur Physiotherapeutin begonnen und scheint mit beiden Beinen im Leben angekommen zu sein. „Es war ein steiniger Weg“, doch diesen Weg hat sie nie bereut.

Infografik zu Magersucht

Lernen, die Seele zu nähren

Ein restriktives Essverhalten ist häufig das Resultat der Erfahrungen, die der Patient im frühen Kindesalter gemacht hat. Das Unterbewusstsein versucht das unangenehme Ereignis zu verdrängen und beginnt nach Möglichkeiten zu suchen, die kindliche Hilflosigkeit zu bewältigen. „Das Essen ist lediglich ein Symptom, nicht die eigentliche Ursache“, stellt Christine Schömig, Sozialpädagogin der Gesundheitsförderung in Ansbach, klar. Ihre Kollegin, Isolde Imschloß, ist davon überzeugt: „Erst wenn Betroffene dem Leidensdruck nicht mehr standhalten können, gestehen sie sich ein, Hilfe in Anspruch zu nehmen.“ Zu diesem Zeitpunkt befinden sich die Körper der Patienten oft jahrelang im Untergewicht und alle körperlichen Funktionen haben sich bereits auf Sparflamme gefahren.

Die Verweigerung des Essens ist für eine Person mit gesundem Selbstwertgefühl kaum zu verstehen. Häufig hören Magersüchtige Sätze wie: „Du bist viel zu dünn“ oder „Iss doch einfach mal normal“. Doch den meisten Betroffenen ist die Konsequenz ihres Verhaltens durchaus bewusst. Dennoch können sie nicht anders, als auf das Essen zu verzichten. „Die Essstörung hilft ihnen, ihre Gefühle zu regulieren“, erklärt Diplom-Psychologin Annemiek Willemsen, die seit einigen Jahren Patienten auf dem Weg aus der Essstörung begleitet. Sie unterstützt Betroffene in ihrer eigenen Praxis und ist zudem in der Fachabteilung für psychosomatische Medizin und Psychosomatik am Bezirksklinikum Ansbach tätig. Sie vergleicht die Anorexie mit einer Sucht: „Sie hilft, die schmerzlichen Emotionen nicht zu spüren, verhindert allerdings, das ursprüngliche Thema konstruktiv zu bearbeiten.“ Die Magersucht wird zum Selbstläufer und heuchelt Sicherheit vor.

Symbolbild MagersuchtErst wenn Betroffene in einem geschützten Rahmen lernen, normal zu essen und die destruktiven Gedanken zum Vorschein kommen können, ist es möglich, das zugrunde liegende Problem zu erfassen und aufzuarbeiten.

Der Aufenthalt in einer Klinik stellt einen guten Weg dar, aus dem Teufelskreis auszubrechen. Dennoch muss die erkrankte Person bereit sein, sich der Herausforderung zu stellen und sich auf die Therapie einzulassen – auch wenn diese Angst macht. Hat sich der Betroffene entschieden, diesen Schritt zu gehen, ist das Geschenk groß. Ein neues, liebenswertes, gesundes und spannendes Leben kann beginnen.

*Namen von der Redaktion geändert

Für Hilfesuchende

Bei Problemen hinsichtlich des Essverhaltens kann man sich vertraulich an die Beraterinnen der Gesundheitsförderung Ansbach wenden. Es können Einzeltermine vereinbart werden, um sich unter anderem über Krankheitsbilder und Therapiemöglichkeiten zu informieren.
Zusätzlich werden Hilfsprogramme für Betroffene und deren Angehörige angeboten. Die Kontaktgruppen finden immer Mittwochabend statt. Eine Anmeldung wird dabei vorausgesetzt.

Beginn der Kontaktgruppe „Strohhalm“:

18. Mai 2018 (acht Termine)

19. September 2018 (acht Termine)

Beginn der Angehörigengruppe:

15. Oktober 2018 (vier Termine)

E-Mail
gesundheitsfoerderung@landratsamt-ansbach.de

Telefon
0981 468-7102

Sarah Alber

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