Wer’s glaubt, wird selig: Auf den Spuren des Aberglaubens

Schon immer haben Menschen an Übernatürliches geglaubt und es teilweise auch gefürchtet. Aberglaube manifestiert sich in allen Kulturen der Menschheit von der Antike bis in die Gegenwart. Auch in der protestantischen Markgrafschaft Brandenburg-Ansbach gab es nachweislich magische Bräuche und abergläubische Riten. Doch inwieweit ist der Aberglaube noch heute verwurzelt?

Was Wissenschaftler mit Martin Luther gemeinsam haben? Sie alle glauben nicht an Übersinnliches. Luther war sogar einer der schärfsten Gegner. Reliquien verspottete er als „nutzlose Hunds- und Rossknochen“. Genauso dachten auch viele protestantische Pfarrer. Sie richteten ihre Kritik besonders gegen die Sakramente der katholischen Kirche. Die Theologen waren der Meinung, dass Segnungen und Weihungen unnütz seien, da Gott bei der Schöpfung alles für immer Bestehende bereits gesegnet habe. Zudem könne niemand den Geist Gottes in einem Gegenstand verdinglichen oder etwas aus eigener Kraft gegen Gottes Vorsehung bewirken. Dennoch war der Aberglaube bei Protestanten genauso verbreitet – wenn auch auf magischer Basis. Die sakrale Kraft der Bibel, wundertätige Lutherbilder oder Sprüche des Johannesevangeliums als apotropäisches Amulett sind einige Beispiele.

Diese Formen des Aberglaubens waren auch im damaligen Fürstentum Ansbach vorzufinden. Dies belegen zahlreiche Prozessakten sowie Verordnungen der Obrigkeit. Am bekanntesten dürfte die mehrteilige Folge mit dem Titel „Aberglaube des gemeinen Volkes im Anspachischen“ im „Journal von und für Deutschland“ aus dem Jahr 1786 sein. Die Ansbacher haben außerdem Regenbogenschüsselchen mit keltischen Goldmünzen als Schutzamulett und Glücksbringer aufgehoben.

Auch auf dem Land war der Aberglaube weit verbreitet. Beispielsweise verwendeten die Bürger in Gottmannsdorf bei Heilsbronn zur Reparatur des Turmdachs 31 gesegnete „Herrgottsnägel“ um einen Einsturz des Daches zu verhindern. 1603 tauchten in der Nähe von Klostersulz bei Dombühl sieben Adler auf. Markgraf Georg Friedrich (1557-1603) hatte allerdings die Erlegung der Tiere verboten. Er dachte, es seien seine sieben jungen Vettern aus Brandenburg.

Ebenso war der Hexenglaube in der Region Ansbach seit dem 16. Jahrhundert weit verbreitet. So erzählte man sich in der Nachbarschaft, dass es bis Anfang des 20. Jahrhunderts eine Hexe in Aurach gegeben haben soll. Ist diese gestorben, zog eine Neue in die Ortschaft, heißt es. Außerdem sollen Hexen Schadenszauber am Vieh durchgeführt haben, wie man aus Ansbach und den Dörfern in der Umgebung immer wieder hörte. Als Gegenzauber sollten Tiere mit einem Gemisch aus menschlichen Exkrementen gesalbt werden. Um den Aberglauben und seine Mythen genauer verstehen zu können, lohnt sich ein Blick auf dessen Wurzeln.

Die Anfänge des Aberglaubens

Unter Aberglaube definieren Forscher jeden Glauben an die Wirksamkeit übernatürlicher Kräfte in bestimmten Menschen und Dingen, die viele als irrsinnig abtun. Der Aberglaube ist dabei viel älter als man glauben mag und eng mit der Religion verknüpft. Die ersten bekannten Formen des Aberglaubens gehen bis in die Antike zurück. Unter griechischem Einfluss erweiterten die Babylonier ihre Deutungskunst der Sternenbilder und begannen das Schicksal einzelner Personen vorherzusagen. So entstanden die astrologischen Vorstellungen wie wir sie heute kennen.

Einen weiteren Bereich des antiken Aberglaubens nimmt die Mythologie ein. Im polytheistischen Glauben der Antike war die Ehrfurcht vor den Gottheiten groß. Egal ob Griechen, Römer oder Ägypter, die Bevölkerung der Hochkulturen befolgte den Rat der Priester und Gelehrten, um die Gunst der Götter zu erhalten. Letztere verehrten den heiligen Stier „Apis“, der als Symbol der Fruchtbarkeit galt. Ging es ihm schlecht, standen dem Aberglauben zufolge die Chancen auf eine Fehlgeburt hoch. So wurde schon früh in der Geschichte der Menschheit Irdisches und Überirdisches, Unbedeutendes und Bedeutendes, Mikrokosmos und Makrokosmos in einen magischen Zusammenhang gebracht.

Die mystischen Lehren

Eines der Grundprinzipien bei magischen Operationen ist die Analogie. Durch das Einsetzten übernatürlicher Kräfte versuchten die Menschen auf gleichnishafte Weise ein gewünschtes Ziel zu erreichen. Dadurch wollten sie sich im Kosmos verborgene Kräfte aneignen, um ihr Schicksal eigenständig zu beeinflussen.

Die Sympathielehre beruht dagegen auf der Verbundenheit von Dingen der Welt, die sich im Guten wie im Bösen beeinflussen lassen. Antike Mystiker, Naturphilosophen und Astrologen dachten bereits über sympathetische Zusammenhänge nach, die in allen Kulturen, aber besonders in der Volksmedizin, ausgeprägt waren.

Beispiele für die Sympathielehre sind, dass Gold Gelbsucht heilen kann, die Haare eines Hundes bei einem Biss helfen oder phallische Objekte die männliche Potenz steigern sollten. Auch die Signaturenlehre wurde insbesondere für medizinische Zwecke verwendet. Sie besagt, dass Heilpflanzen oder tierische Stoffe entsprechende Kennzeichen tragen, die verraten, welche Krankheiten sie heilen können. Zwar waren diese Analogien rein zufällig, dennoch wurde die Signaturenlehre zu einem umfassenden System erweitert. Ein typisches Beispiel bildet hier der Natternkopf. Deren Blüte erinnert an den Kopf einer Natter und der gespaltene Griffel an die Natternzunge. Dem Glauben nach sollte der Natternkopf eine heilende Wirkung gegen Schlangenbisse erzielen. Hatte man hingegen Leberleiden, so verschafften die Menschen sich mit dem Leberblümchen Abhilfe. Wieder ist es die Form des Blattes, die für die Namensgebung der Blume und deren angeblich heilende Wirkung verantwortlich ist.

Die Welt der Magie

Die Welt des Magischen nimmt mit ihren Zauberern und Hexen einen großen Bereich im Aberglauben ein. Magie sind ausgerufene Verwünschungen, gemurmelte Zaubersprüche, gemalte Zeichen und geschriebene Zauberformeln. Hierfür benötigten die Menschen Sprachkenntnisse in Latein, Griechisch oder Hebräisch. Somit war die Zahl der Magier zumindest vor dem Buchdruck im 15. Jahrhundert recht gering.

Zu dieser Zeit waren hingegen Hexenverbrennungen an der Tagesordnung. Ein Merkmal von uns Menschen ist es, das Unbekannte zu fürchten. Wurden übernatürliche Ursachen für Krankheiten oder Unglück angenommen, wurden die schuldigen Hexen gesucht und verbrannt. Aufgrund des Justizsystems gab es rund 60.000 Ermordungen von Frauen und Männern, die als Hexe(r) denunziert wurden. Anders als heutzutage konnte man damals willkürlich Mitmenschen der Hexerei beschuldigen. Diese mussten erstmal ihre Unschuld beweisen. Konnten sie dies nicht, kamen sie auf den Scheiterhaufen. Um die negativen Einflüsse der Hexen zu beseitigen, wurden Hexenbanner gerufen oder man setzte auf eigene Amulette, Talismane oder Abwehrzauber.

Derartige Gegenstände – auch Apotropaion genannt – sollten ihre Träger nicht nur vor Hexen schützen. Sie wurden auch gegen Unglück und Krankheit verwendet. Als Charaktere werden magische Zeichen und Symbole oder Strichbilder auf Zauberrequisiten beschrieben, die astrologische Symbole, bestehend aus Zahlen und geometrischen Figuren, aufzeigen. Der Drudenfuß (oder auch Pentagramm) ist eines der bekanntesten apotropäischen Zauberzeichen. Er galt als universelles Schutz- und Abwehrzeichen gegen Zauber und Krankheiten und war somit in der Bevölkerung sehr verbreitet.

Sowohl das Amulett als auch der Talisman kann alles sein, was der Mensch mit einer von ihm gewählten Bedeutung auflädt. Dabei besteht ein grundlegender Unterschied. Während das Amulett (lat. amoliri = abwehren) den Schutz vor einem Ereignis darstellt, also Dinge abwehrt, wird der Begriff Talisman eher als Glücksbringer verstanden, der gewünschte Ereignisse anziehen soll. So wurden häufig seltene oder ungewöhnliche Dinge als solche benutzt. Für einen Rundumschutz in vielen Lebenslagen verwendete die Menschen Kompositamulette, bei denen sie unterschiedlichste Amulette und Talismane zusammenbrachten.

Ist Religion Aberglaube?

Eine schwierige Frage. Fakt ist: Es gibt gewisse Parallelen zum Aberglauben und zur Magie. Religion regelt die Beziehung der Menschen zum Göttlichen. Der fromme Mensch zeichnet sich dadurch aus, dass sein Denken und Tun den religiösen Regeln entspricht. Der Unterschied zur Magie ist, dass Gläubige nicht mit okkulten Kräften ihre Wünsche und Anliegen realisieren wollen, sondern sie bitten Gott um Beistand. Der Glaube an übernatürliche Kräfte ist also durchaus vorhanden, er ist nur nicht wissenschaftlich belegt.

Während die katholische Kirche mit Heiligen- und Marienverehrung, Sakramentalien (Weihungen, Segnungen) und Devotionalien (= Andachtsgegenstände) ihre Anliegen vor Gott bringt, gibt es im Protestantismus solch sinnliche Ausdrucksformen nicht. Folglich griffen die Menschen in protestantischen Gebieten für das leibliche Wohl und Glück eher zur Magie. In der katholischen Kirche stehen dafür Segnungen und geweihte Objekte sowie Fürsprecher bei Gott zur Verfügung. Ein Beispiel ist der heilige Blasius, der bei jeglichen Halsbeschwerden Linderung verschaffen soll.

Als Zeichen der Frömmigkeit haben Christen die Überzeugung, dass Gott an bestimmten Orten besonders zu spüren ist. Zu diesen Wallfahrtsorten pilgern Gläubige meist in Gruppen und legen künstliche oder natürliche Gegenstände in Form von Votivgaben ab. Dadurch wollen sie Dank oder Bitte für die Zukunft zum Ausdruck bringen. Sowohl im katholischen, als auch im evangelischen Glauben gibt es gewisse Parallelen zum Aberglauben. Letztendlich muss aber jeder für sich selbst die Grenze zum Aberglauben ziehen, indem er sich mit beiden Themen beschäftigt.

Simon Schöffmann, Jasmin Spilka

Markus Schmidt

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