Wie erleben Muslime Ramadan in Franken?

Ramadan ist der Fastenmonat der Muslime. Von Sonnenaufgang bis Sonnenuntergang essen und trinken die Gläubigen nichts. Wir haben eine fünfköpfige Familie aus dem Ansbacher Ortsteil Meinhardswinden besucht und sie einen Tag lang beim Fasten begleitet. Was motiviert die Fastenden und wie halten sie es aus, bis zu 17 Stunden lang nichts zu essen und zu trinken?

Nusret Bindal sitzt ungeduldig am Esstisch. Sein Körper wippt unruhig nach vorne und wieder zurück. Die Arme hat der 42-Jährige über seinem Bauch verschränkt. „Bald ist es soweit“, spricht er sich selbst zu und über sein angespanntes Gesicht huscht ein Lächeln. Nusret Bindal ist hungrig. Seit 17 Stunden hat er nichts gegessen und getrunken. Wie viele andere gläubige Muslime begehen Nusret Bindal und seine Familie den Fastenmonat Ramadan. Für 29 Tage ist essen und trinken nur nachts erlaubt.

Für Nusret Bindal und seine Frau Nawal beginnen die Tage während Ramadan schon vor Sonnenaufgang: „Wir stehen um drei Uhr morgens auf und essen bis vier Uhr, dann wird gebetet“, erzählt Nawal Bindal. Abendessen gibt es erst wieder ab 21:30 Uhr. In den arabischen Ländern sei das Fasten einfacher, berichtet die Marokkanerin. „In Marokko fasten 90 Prozent der Menschen. Am Abend gehen alle gemeinsam in die Moschee, das ist noch mal eine ganz andere Motivation. In Marokko fühlst du dich beim Fasten nicht einsam, so wie hier. Hier fastest du nur mit deiner Familie“, sagt Nawal Bindal. Nicht nur sie und ihr Mann befolgen die Regeln des Ramadans, sondern auch zwei ihrer Söhne, 12 und 15 Jahre alt. Nur der Kleinste mit seinen drei Jahren fastet noch nicht. Auch wenn es teilweise von den Lehrern wenig Verständnis für das Fasten der Kinder gebe, seien die Franken dem Thema offen und neugierig eigestellt, so die Muslima.

Auch während des Fastens müssen die Hausaufgaben erledigt werden: Vater Nusret hilft seinem Sohn Enes.
Kerim liest seinem Bruder Riad aus dem Koran vor.
Während des Ramadans sollen Muslime einmal den Koran vollständig lesen.
Abschmecken nicht erlaubt: Nawal Bindal bereitet das Essen für den Abend vor.
Der dreijährige Riad ist noch zu jung zum Fasten und darf als einziger der Familie tagsüber essen und trinken.
Muslime beten fünfmal am Tag. Während des Ramadans gibt es noch ein zusätzliches Gebet.
Nach Sonnenuntergang bricht die Familie das Fasten mit einem reich gedeckten Tisch.
Als Nachspeise gibt es marokkanisches und türkisches Gebäck.
Ausgelassene Stimmung nach dem Fasten: Nawal Bindal und ihre Freundin Fatiha Rahoui.
Die Freundin der Familie, Lougine Sitan, gießt marokkanischen Minztee auf.
Vater Nusret und Sohn Enes sitzen gemeinsam am Tisch voll mit Schulunterlagen

Ramadan soll Mitgefühl lehren

Auch wenn Ramadan in Franken weniger festlich abläuft, freut sich die dreifache Mutter jedes Jahr auf das Fasten. Schwierig seien nur die ersten Tage, bis sich der Körper an den Verzicht gewöhne. „Ich sehe den heiligen Monat als ein Geschenk Gottes. Man spürt die Armut, wenn man ohne Essen den ganzen Tag auskommen muss“, schwärmt Nawal Bindal. Ihrem Mann Nusret Bindal fällt der Verzicht auf Essen und Trinken deutlich schwerer. Durch seine körperliche Arbeit als Industriemechaniker zehrt das Fasten mehr an ihm. Letztendlich sei es eine Sache der Motivation, außerdem sei der menschliche Körper viel stärker als man denke, so der Deutschtürke. Das Durchhaltevermögen zum Fasten findet die Familie im Glaube. Als eine der fünf Säulen des Islams ist Ramadan für alle Muslime verpflichtend. Nur in bestimmten Lebenssituationen sind Ausnahmen erlaubt: So dürfen Schwangere, stillende Frauen, Reisende, Kranke sowie Kinder, die noch nicht die Pubertät erreicht haben, essen und trinken. Und auch Nusret Bindal fastet an manchen Tagen nicht, wenn er Medikamente schlucken muss. Als Belohnung erhoffen sich die Fastenden den Eintritt ins Paradies nach dem Tod. Zudem betrachten Muslime das Fasten als eine Selbstreinigung des Körpers.

„Übersetzt bedeutet Ramadan verbrennen. Gemeint sind damit die Sünden der Fastenden, die verbrennen“, erklärt Talha Dogan, der Islamwissenschaften studiert hat und Imam in der Eyüp Sultan Moschee in Nürnberg ist. Durch das Fasten sollen Muslime laut Koran gottesfürchtig werden und Mitgefühl lernen, für Menschen, die hungern müssen. „Die Fastenden merken, dass es im Leben nicht nur um Verzehren von Gütern im diesseitigen Leben geht, sondern erinnern sich an ihre eigentliche Aufgabe, die Konzentration auf das Leben nach dem Tod“, erklärt Talha Dogan. Das Interesse an Ramadan soll vor allem bei jungen Muslimen gestiegen sein, berichtet der Imam. Einen Rückgang der Fastenden, wie bei den Christen, habe er nicht festgestellt.

Nusret Bindal liest eine Sure auf Arabisch aus dem Koran vor:

Zuckerfest beendet Ramadan

Auch für Nusret Bindal ist das Fasten eine positive Erfahrung: „Nach dem heiligen Monat schätze ich immer sehr das Frühstück und wie wertvoll es ist, wenn man wieder den ganzen Tag zu Essen und zu Trinken hat.“ Der 42-Jährige gibt aber auch zu, dass er sich freut, wenn Ramadan vorbei ist. Besonders gespannt ist er auf das Fastenbrechenfest, auch Zucker- oder Ramadanfest genannt. Das Fastenbrechenfest gehört zu den bedeutendsten Feiertagen des Islams. Drei Tage lang kommen Muslime in der Moschee oder privat bei einem Festessen zusammen. Da die Gläubigen während des Fastens auf Essen und Trinken verzichten, spielt das gemeinsame Mahl am Abend eine große Rolle während des Ramadans.

Bei Familie Bindal versammeln sich die Eltern mit ihren drei Söhnen im Wohnzimmer. Zudem sind heute Abend zwei Freundinnen von Nawal Bindal zu Gast. Die 38-Jährige steht bereits seit vier Stunden vor dem Herd. Während des Ramadans gebe sie sich extra Mühe, um ihre Familie mit einem besonderen Essen für das Fasten zu belohnen. In der ganzen Wohnung duftet es schon nach Linsensuppe, Hühnchen und gefüllten Weinblättern aus der Küche. Gemeinsam tragen die Frauen die Speisen ins Wohnzimmer, während der 12-jährige Kerim aufgeregt mit seiner bestellten Pizza umherspringt. Mit strahlendem Gesicht empfängt Nusret Bindal die Frauen und begutachtet den reich gedeckten Tisch. Es ist kurz vor 21:30 Uhr: Zeit das Fasten zu brechen.

Franziska Roos, Moritz Hilpert, Walid Sousa

Franziska Roos

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