Kultur

Jüdischer Friedhof Bechhofen – Steine, die Geschichten erzählen

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Zwei Grabstein auf dem jüdischen Friedhof in Bechhofen.

Bechhofen. Auf den ersten Blick eine ruhige Marktgemeinde im Landkreis Ansbach. Auf den zweiten Blick jedoch ziemlich aufregend, wie die eigene Heimatgeschichte erzählt. FrankenSein ließ sich auf die spannende Zeitreise ein und lernte das örtliche Kulturgut, nämlich den jüdischen Friedhof und seine begrabenen Geschichten, kennen.

Ein Meer aus Steinen. Das ist das Erste, was man erblickt, wenn man durch das alte, eiserne Eingangstor geht. Abgeschirmt von einer kleinen Sandsteinmauer stehen die Kalksteinplatten und Sandsteine teils ordentlich angeordnet auf einer großen Wiese, teils verstreut zwischen den Bäumen. Viele sind stark überwuchert oder fast versunken im bunten Laub. Eines haben sie jedoch gemein: Es gibt sie noch. Denn obwohl der Friedhof verlassen ist, werden die Gräber nach jüdischer Tradition der Natur überlassen und niemals entfernt. Eine Chance, sich auf die Reise in die Vergangenheit zu machen.

Welche Geschichten hinter den Grabsteinen stecken und was sie über das frühere Leben der jüdischen Gemeinde aussagen, verrät uns Claudia Dommel. Zusammen mit ihrem Vater widmete sie sich schon seit Jahren der örtlichen Heimatpflege in Bechhofen.

Wie kamen Sie dazu, sich so stark für die örtliche Geschichtsaufbereitung zu engagieren?

Bereits in der Schule war Geschichte mein Lieblingsfach. Und durch meinen Vater, Herbert Dommel, der Heimatpfleger des Marktes Bechhofen war, bin ich zu den Gästeführungen gekommen. Zusätzlich haben wir zusammen mehrere Bücher über die Heimatgeschichte und die jüdisch-christliche Vergangenheit in Bechhofen geschrieben.

Können Sie uns etwas zu den Anfängen der jüdischen Gemeinde in Bechhofen erzählen?

Die jüdische Gemeinde wurde um das 13. Jahrhundert gegründet. Bechhofen gehörte zur Markgrafenschaft Brandenburg-Ansbach. Durch den zuständigen Marktgrafen siedelten sich dann die ersten Juden an.

Entstand auch der Friedhof zu dieser Zeit?

Dieser Friedhof wurde ungefähr um das Jahr 1550 angelegt. Bei der Dokumentation wurde ein Grabstein von 1602 entdeckt, wodurch dieses Datum jetzt als das Gründungsdatum dieses Friedhofs gilt. Ab dem 17. Jahrhundert wuchs die jüdische Gemeinde in Bechhofen immer mehr. Ebenso wie die Christliche.

Uns interessiert das Zusammenleben der Juden und Christen. Gab es einen guten Zusammenhalt oder waren es eher separate voneinander lebende Gemeinden?

Das Zusammenleben von Juden und Christen war sehr gut. Im Jahr 1351 hat der Ort von Kaiser Karl dem Vierten das Marktrecht verliehen bekommen.Dementsprechend gab es sehr viele Märkte in Bechhofen. Die jüdischen Leute durften keinen Beruf ausüben, sie waren Händler. Infolgedessen haben sie die Märkte mit ihren Waren, also Textilien, Pferde, Kühe oder Hühner, bereichert. Die Bevölkerung konnte auf diesen Märkten Dinge für den täglichen Gebrauch einkaufen. Später wurde Bechhofen zum Pinselmacherort. Die örtliche Pinselmacherindustrie wurde von dem Juden, namens Marx Schloss, gegründet. Im Jahr 1860 beschäftigte er jüdische und christliche Leute. Sie hatten ein sehr gutes Verhältnis, weil die Firma sehr gut bezahlte. Außerdem haben die jüdischen Geschäftsleute damals auch sehr viel Geld für die Johanniskirche gespendet. Auch daran sieht man, dass die beiden Gemeinden ein sehr gutes Verhältnis hatte.

Wir haben für euch noch weitere Impressionen vom Jüdischen Friedhof in Bechhofen gesammelt.

Impression des jüdischen Friedhofs in Bechhofen.

Und dann kam der Beginn des Nationalsozialismus. Hat sich das gute Verhältnis der beiden Religionen aufgrund der Propaganda negativ verändert?

Die Gemeinde Bechhofen hatte zu seinen jüdischen Mitbürgern trotzdem ein sehr gutes Verhältnis. Noch 1929 wurde Hugo Steindecker, der jüdische Pinselfabrikant, in den lokalen Gemeinderat gewählt. Anlässlich seines Todes 1930 hielt der damalige Bürgermeister noch eine berührende Rede an seinem Grab und bezeichnete ihn als guten Freund. Im September 1938, nur acht Jahre später, wurden die Bechhofener Juden aus ihren Häusern in die Turnhalle gebracht. Damals legte man ihnen nahe, den Ort auf schnellsten Weg zu verlassen. Auch in der letzten Zeit des Zusammenlebens wurde sich ausgeholfen. Christliche Bürger versorgten jüdische Familien mit Essen und kauften für sie ein. Am 12. Oktober 1938 verließ die letzte Familie jüdischen Glaubens Bechhofen. Es waren David und Ida Steindecker, die Pinselfabrikanten. Sie sind damals nach München geflohen, um in der Anonymität der Großstadt Unterschlupf zu finden. Aber leider war es aussichtslos. 1942 kamen sie in das Konzentrationslager Theresienstadt (Tschechien) und verstarben schließlich in Auschwitz (Polen). Ab dem 13. Oktober 1938 war Bechhofen judenfrei.

Wie kam es dazu, dass Sie sich auch so stark um die Geschichte des Friedhofs kümmern? Wir haben recherchiert – vor einigen Jahren gab es hier eine Dokumentation aller Grabsteine.

Als mein Vater pensioniert wurde, ist ein Bekannter auf ihn zugekommen und hat ihn gebeten, ihm bei der Erforschung und Dokumentation des jüdischen Friedhofs zu helfen. Aus einer Pflichtaufgabe hat sich dann rasch eine Herzensangelegenheit für uns entwickelt. Natürlich habe ich meinem Vater dann auch immer geholfen und ihn unterstützt.

Hier soll die Großmutter des US Politikers Henry Kissinger begraben liegen. Was wissen Sie darüber?

Ja, die Großmutter des US Politikers und Nobelpreisträgers Henry Kissinger ist hier begraben. Sie hieß Peppi Stern und kam aus Leutershausen. Es ist die Großmutter mütterlicherseits. Auf dem Grabstein steht, dass sie am 26. Tamus 675 nach kleiner Zählung gestorben ist. Nach unserer gebräuchlichen Zeiteinheit ist das der 4. Juli 1915.

Haben Sie durch ihre Arbeit Kontakte zu ehemaligen Bewohnern jüdischen Glaubens aufbauen können?

Durch die Führungen in Bechhofen und am jüdischen Friedhof hat man so viele interessante Leute kennengelernt. Da sind ehemalige jüdische Mitbürger zu uns gekommen, wollten sich den Friedhof wieder anschauen oder haben verschiedene Gräber besucht. Dadurch haben sich teilweise jahrelange Freundschaften ergeben. Andere Christen wiederum haben sich auch um die jüdische Geschichte gekümmert – auch da sind Freundschaften entstanden. Mit Leuten aus Ansbach, aus Würzburg oder aus Pappenheim. Unsere älteste Bekannte ist Senta Baum, geborene Bechhöfer. Sie ist mittlerweile 99 Jahre alt und lebt in New York. Sie ist 1934 mit ihren Eltern aus Bechhofen nach New York emigriert. Wir telefonieren immer noch miteinander und ihr geht es altersgemäß immer noch sehr gut. Zu ihrem 90. Geburtstag hat sie zusammen mit ihrer Familie noch einmal ihr alte Heimat besucht. Es war natürlich eine sehr schöne Begebenheit.

Deswegen stammt der letzte Grabstein auf diesem Friedhof von 1938. Die jüdischen Bürger wurden vertrieben und kamen nie wieder. Aber die Grabsteine bleiben und erzählen ihre Geschichten.

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