Gardetanz – Höchstleistung fernab der Faschingsbühne

Gardetanz

Helau und Alaaf! So oder so ähnlich schallt es jedes Jahr zur Faschingszeit von den Bühnen sämtlicher Veranstaltungen. Neben Büttenrednern und Co. fegen als Highlight auch die Tanzgarden übers Parkett. Dass der sogenannte Gardetanz jedoch ein richtiger Leistungssport ist, ahnen nur die wenigsten. Eine fränkische Gardetänzerin im Interview.

Carina Mayer (26) aus Heroldsbach bei Forchheim ist seit ihrem vierten Lebensjahr eine Gardetänzerin mit Leib und Seele. Beim Karneval-Club Röttenbach e. V. Die Besenbinder im Landkreis Erlangen-Höchstadt steht sie beinahe jede Minute ihrer Freizeit in der Turnhalle und trainiert solo sowie in der Gruppe für ihre große Leidenschaft.

FrankenSein: Wie bist du zu diesem nicht ganz gewöhnlichen Sport gekommen?

Carina Mayer: „Eigentlich habe ich das meinen Eltern zu verdanken. Mein Bruder und mein Vater waren schon aktiv im Fußballverein, meine Mutter beim Tischtennis. Auch für mich wollten sie einen Vereinssport finden und haben mich dann zusammen mit einer Kindergartenfreundin probehalber zum Gardetraining geschickt. Beim ersten Mal hat es mir damals sofort super gefallen und das hat bis heute angehalten.“

FrankenSein: Als Gardetänzerin muss man doch sicherlich auch ein absoluter Faschingsfanatiker sein, oder?

CM: „Wie schon gesagt, hat meine Liebe zum Gardetanz ja eher ohne mein Zutun begonnen. Für mich ist die Faschingszeit ein schöner Nebeneffekt. Wir sind ja ein Karnevalsverein und es macht Spaß, mit seiner Mannschaft zusammen zu feiern und auf der eigenen Prunksitzung oder anderen Faschingsbällen als Einlage zu tanzen. Der Applaus dort ist immer überwältigend. Betrachte ich mein komplettes ‚Tänzerjahr’, ist der Fasching jedoch nur ein kleiner Teilbereich. Die meiste Zeit verbringen wir mit hartem Training und der Turnierphase von Mitte Oktober bis Mitte März.“

Manch einer könnte denken, dass Gardetänzer sich kurz vor Fasching ein paar Mal ganz locker im Wohnzimmer einer Tanzkollegin treffen und bei Musik und dem einen oder anderen Gläschen Sekt dann eine Choreographie einstudieren. Möchte man Gardetanz jedoch auf höchstem Niveau betreiben und wie Carina Mayer an Turnieren und Meisterschaften teilnehmen, ist weitaus mehr Aufwand nötig. Das ganze Jahr über trainiert sie mindestens acht Stunden pro Woche: zwei Mal in der Gruppe mit 35 anderen Mädchen und an weiteren zwei Tagen Solotraining – denn Carina ist auch ein Tanzmariechen.

FrankenSein: Gardetanz auf Turnieren – wie genau läuft das ab?

CM: „Im karnevalistischen Tanzsport gibt es an den Turnieren fünf verschiedene Disziplinen, die nacheinander an den Start gehen: Den Anfang machen die Tanzpaare, dann kommen die gemischten Garden, in denen auch Männer mittanzen. Anschließend die weiblichen Garden, die Tanzmariechen und zum Schluss der Schautanz, bei dem Themen auf ganz kreative Art und Weise vertanzt werden. Ist man in der jeweiligen Disziplin an der Reihe, betritt man mit dem Aufmarsch die Bühne und hat von nun an, bis zum Ende des Tanzes, Zeit, die Jury von sich zu überzeugen. Diese besteht aus sieben ausgebildeten Wertungsrichtern, welche verschiedene Kriterien, wie zum Beispiel die Choreographie, die Vielfalt der Schritte, die Präsenz, die Ausstrahlung uvm. mit maximal 100 Punkten pro Juror bewerten. Auch die Uniformen der Teilnehmer samt Kopfbedeckung, Schminke und Schuhwerk werden u. a. auf Passform und Einheitlichkeit bewertet und müssen den Charakter des Tanzes ausdrücken. Die Gewinner jeder Disziplin werden am Schluss bei einer großen Siegerehrung gekürt.“

FrankenSein: Hat jeder das Potenzial zum Gardetänzer?

CM: „Das kommt erst einmal natürlich darauf an, auf welchem Niveau man das Ganze betreiben möchte. Gewisse Grundvoraussetzungen, wie die Liebe zum Tanzen, ein gutes Körpergefühl und genügend Ehrgeiz sollten schon vorhanden sein, um es überhaupt zu lernen. Im Allgemeinen verlangt einem so ein Gardetanz dann aber schon einiges ab.“

Neben extremer Gelenkigkeit ist für Gardetänzer auch eine sehr gute Kondition wichtig. Zudem benötigen sie ausreichend trainierte Muskeln, um beispielsweise die sogenannten Beinwürfe, bei denen das Bein zum Kopf geführt wird, korrekt und im Takt der Musik ausführen zu können. Bei den Solotänzerinnen kommen noch akrobatische Elemente wie Sprünge und freie Überschläge zur Choreographie hinzu, die im Training ausgiebig geübt werden. Außerdem ist natürlich eines ganz wichtig: eine natürliche, sympathische Ausstrahlung, um die Freude am Tanzen auch zum Publikum zu transportieren.

FrankenSein: Was sind die schönsten Erlebnisse deiner Tanzlaufbahn bei den Besenbindern?

CM: „Es ist schwer, das alles aufzuzählen. Am meisten in Erinnerung bleiben mir die Momente, in denen ich das Tanzen auf der Bühne voll und ganz genießen kann. Manchmal passiert das auch im Training. Es sind Momente, in denen man für kurze Zeit alle Sorgen loslässt und den Kopf einfach ausschaltet. Was ich auch bestimmt noch mit 80 Jahren wissen werde, als wäre es gestern gewesen, ist der Moment unseres ersten Deutschen Meistertitels mit der Mannschaft im Schautanz 2013.“

Auch als Tanzmariechen ist Carina sehr erfolgreich und ertanzte sich u. a. den dritten Platz auf der Süddeutschen sowie den vierten Platz auf der Deutschen Meisterschaft 2014. Zusammen mit ihrer Gruppe konnte sie 2016, trotz starker Konkurrenz, den Titel des Deutschen Meisters im Schautanz ein weiteres Mal in die kleine Gemeinde Röttenbach im Landkreis Erlangen-Höchstadt holen.

FrankenSein: Dorfverein und großer Erfolg – wie funktioniert das?

CM: „Ich finde, das verträgt sich sehr gut. Allerdings kann das nur funktionieren, wenn es starke Zugpferde, wie z. B. Trainer oder einen Vorstand gibt, die ein Ziel vor Augen haben und die Leute mitziehen bzw. gemeinsam mit ihnen an einem Strang ziehen. Bei uns hat jeder seinen Platz, das Miteinander wird ganz großgeschrieben. Wird ein neues Projekt angegangen, machen wir auch alles selber. So kann es, finde ich, in einem Dorfverein sogar besser funktionieren als anderswo, wo möglicherweise Geld alle Türen und Tore öffnet. Hier bei uns und auch allgemein in unserem Sport, sind die meisten aber eh freiwillig und Ämter wie Trainer oder ein Posten in der Vorstandschaft werden ehrenamtlich betrieben.“

Auch neben dem Training verbringt Carina sehr viel Freizeit im Verein in Röttenbach und bezeichnet ihn als eine Art „zweites Zuhause“.

FrankenSein: Ist das Tanzen mit den Besenbindern für dich mehr als nur ein Hobby?

CM: „Bei den Besenbindern und in diesem Sport habe ich sehr viel Zeit meines bisherigen Lebens verbracht. Mit vielen Leuten aus dem Verein bin ich groß geworden. Wir haben gemeinsam gelacht und geweint. Wir haben gelernt, was es heißt, sich etwas aufzubauen, zu kämpfen, zu gewinnen, aber auch zu fallen und wieder aufzustehen. Schon allein der Charakter dieser Sportart erfordert auch ein großes Maß an Disziplin und Streben nach Perfektion. Ganz groß geschrieben wird für mich außerdem das Team – das WIR-Gefühl. Das heißt auch, auf andere zu achten und ggf. selbst mal zurückzustecken. Während unserer Tänze ist es auch extrem wichtig, gemeinsam zu funktionieren. Jeder verlässt sich auf den anderen und trägt seinen Teil zum Gesamtwerk bei. Von all diesen Erfahrungen und wunderbaren Erinnerungen profitiere ich auch in anderen Bereichen meines Lebens, wie z. B. dem Studium und später im Arbeitsleben. Kurz gesagt ist der Karneval-Club Röttenbach bzw. der Gardetanz einfach ein sehr großer Teil meines Lebens, ein Teil meiner selbst.“

Martina Salomon

Martina Salomon

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