Über Liebe und die Leidenschaft zum Schreiben: Ein Interview mit Emily Bold

Ein Beitrag von Katharina Beil

Fiktionale Liebe wirkt oft wie die perfekte Liebe: intensiv, leidenschaftlich und voller großer Gefühle. Doch wie entstehen solche Geschichten eigentlich? Und woher nehmen Autor:innen die Inspiration für ihre Figuren? Im Rahmen unserer Serie „Frühlingsgefühle in Franken“, in der wir uns mit den verschiedenen Facetten der Liebe beschäftigen, haben wir mit der fränkischen Autorin Emily Bold gesprochen. Sie schreibt Romane für Jugendliche und Erwachsene und erzählt in ihren Geschichten von historischen, zeitgenössischen und fantastischen Liebeswelten. Warum sie uns mit ihrem Blick auf die Liebe besonders interessiert, liegt auch an ihrer Herkunft: Emily Bold kommt aus Franken und bringt diese Bodenständigkeit, Warmherzigkeit und den feinen Humor ihrer Heimat auch in ihre Figuren ein.

Interview:

Was reizt Sie daran, Liebesgeschichten zu erzählen? 

Liebe ist das intensivste Gefühl, das Menschen kennen. Sie verändert alles – Prioritäten, Selbstwahrnehmung, Entscheidungen. Und gleichzeitig ist sie etwas absolut Universelles. Jeder kennt Sehnsucht, Angst, Hoffnung. Als Autorin eröffnet mir das eine Welt der der unbegrenzten Möglichkeiten. Liebe ist der Stoff, der Menschen bewegt, egal in welchem Jahrhundert meine Liebesgeschichten spielen, oder ob ich mich dabei in die Welt der Fantasyromane vorwage.

Beschreiben Sie den Moment, in dem eine Liebesgeschichte für Sie als Autorin „lebendig“ wird.

Das ist ein sehr konkreter Moment: wenn die Figuren anfangen, mir nicht mehr zu gehorchen. Wenn ich eine Szene plane und meine Protagonistin plötzlich etwas sagt, das ich gar nicht vorgesehen hatte – dann weiß ich, dass sie lebt. Ab diesem Punkt schreibe ich eigentlich nur noch auf, was passiert. Manchmal fühlt es sich dann an, als wäre auch ich nur noch ein Leser meiner eigenen Geschichte.

Gibt es literarische oder filmische Vorbilder, die Ihre Vorstellung von romantischer Fiktion geprägt haben?

Die naheliegenden Antworten spare ich mir – natürlich kenne ich Jane Austen, natürlich liebe ich Klassiker. Aber wenn ich ehrlich bin, haben mich andere Werke tiefer geprägt. Braveheart zum Beispiel. Das klingt vielleicht überraschend, aber dieser Film hat mich immer wieder bewegt – nicht wegen der Kampfszenen, sondern wegen der Leidenschaft, die dahintersteckt. Zarte Romantik am Anfang, dann dieser unerträgliche Schmerz des Verlustes, und daraus erwächst ein Wille, der alles antreibt. Für mich ist der Kampf um die Freiheit Schottlands eigentlich der Kampf um freie Liebe – und die Frage, welche Wunden ein Herz ertragen muss, um trotzdem weiterzukämpfen. Genau das wünsche ich mir für meine Helden: diesen tiefen, ehrlichen Antrieb. Ähnlich geht es mir mit „P.S. Ich liebe dich“. Auch hier gehen Liebe und Verlust Hand in Hand. Und das empfinde ich als zutiefst stimmig – denn wenn man wirklich liebt, wenn man dieses vollständige Glück kennt, hat man plötzlich etwas zu verlieren. Dann geht es nicht mehr nur um einen selbst. Dann geht es um Kleinigkeiten, um Erinnerungen, um Augenblicke, die sich gar nicht in Worte fassen lassen und die man trotzdem so unheimlich wichtig empfindet. Genau dieses Gefühl versuche ich in meinen Büchern einzufangen.

Wie schaffen Sie es, immer wieder neue Figuren mit neuen, eigenständigen Liebesgeschichten zu erschaffen, ohne dabei den vorherigen Büchern zu nahe zu kommen?

Jede Figur braucht ihren eigenen Kern, einen Widerspruch, eine Wunde oder eine Sehnsucht. Wenn ich die Ängste meiner Protagonisten kenne, wenn ich weiß, was sie sich am meisten wünschen, was sie brauchen, dann ergibt sich der Rest fast von selbst. Die Liebesgeschichte muss dann genau diesen Kern berühren. Sie muss die Figur verändern. Sonst ist es nur eine nette Begegnung.

Wie nähern Sie sich der Psyche Ihrer Figuren an? 

Ich stelle mir sehr viele Fragen, die nie ins Buch kommen. Was ist das Schlimmste, das dieser Figur je passiert ist? Was ist ihre Größte Angst? Worüber würde sie lachen können? Was tut sie, wenn sie erschöpft ist oder wie fühlt sie sich in ihrer Umgebung. Die Antworten auf all diese Fragen formen den Charakter – auch wenn meine Überlegungen dazu womöglich nie im Buch zur Sprache kommen.

Gibt es eine Figur, die Ihnen besonders nahesteht, weil sie etwas von Ihrer eigenen Liebesauffassung trägt?

Das wechselt tatsächlich. Meistens ist es die Figur aus dem Buch, das ich gerade schreibe – weil ich ja quasi mit ihr zusammenlebe. Aber es gibt natürlich Protagonisten, an die ich immer wieder zurückdenke, weil sie zu dieser Zeit etwas berührt haben, das mich selbst bewegt hat. Doch es wäre ungerecht, all meinen anderen Helden und Heldinnen gegenüber, hier jetzt einzelne Protagonisten hervorzuheben. Sie alle haben eine Geschichte, die es wert ist, gelesen zu werden.

Hat BookTok einen Einfluss auf die Geschichten und Charaktere, die Sie schreiben?

Ich habe ehrlich gesagt keinen TikTok-Account, und ich verfolge Trends auch nicht aktiv. Für mich steht nicht das Marketing im Vordergrund, sondern das Erschaffen von Geschichten. Ich schreibe die Bücher, die mich bewegen – und vertraue darauf, dass sie dann auch die richtigen Leserinnen und Leser finden. Liebe ist so vielschichtig, dass sie eigentlich keine Zielgruppe kennt. Das spüre ich auch an den Reaktionen derer, die mir schreiben: Da ist keine homogene Gruppe, da sind Menschen aus ganz unterschiedlichen Lebenssituationen, die alle etwas anderes in einem Buch suchen und finden. Das berührt mich jedes Mal neu.

Wie schaffen Sie es, dass die Gefühle fiktiver Charaktere authentisch wirken? Wann wird Liebe in der Literatur für Sie glaubwürdig – und wann verliert sie an Wirkung?

Ich glaube, Authentizität entsteht nicht durch große Gesten, sondern durch die kleinen Details. Das Kribbeln im Bauch, wenn ein Blick mehr sagt als tausend Worte. Eine unscheinbare Berührung. Glaubwürdig wird Liebe für mich dann, wenn die Figuren auch mal Fehler machen – wenn sie sich womöglich selbst im Weg stehen. Perfekte Menschen und perfekte Beziehungen sind nicht nur langweilig, sondern auch unrealistisch.

Gibt es persönliche Erfahrungen, die in subtiler Form in Ihre Figuren oder Liebesgeschichten einfließen?

Natürlich. Aber meistens merke ich das erst im Nachhinein selbst. Manchmal steckt ein Gefühl drin, das ich mal kannte. Eine Erinnerung an ein Glücksgefühl, oder an einen tiefen Schmerz. Das zu beschreiben fällt leichter, wenn man aus eigenen Erfahrungen schöpft. Doch nicht immer sind es eigene Erfahrungen. Manchmal auch nur Dinge, die ich beobachtet habe. Bestimmte Energien zwischen zwei Menschen oder auch Geschichten, die mich selbst bewegt haben. Romane, Filme. Darum würde ich nie sagen, dass alles, was ich schreibe, auf eigenen Erfahrungen beruht, doch ein Hauch von mir steckt wohl immer mit drin.

Wie unterscheiden sich Ihre fiktionalen Liebesgeschichten von realen Beziehungen, wie Sie sie beobachten oder erleben?

In meinen Büchern darf das Leben besonders sein. Da gibt es keine langweiligen Tage, keinen Alltag mit leergedrückten Zahnpastatuben und keinen Streit ums Abspülen. Gleichzeitig versuche ich, meine Figuren nicht makellos zu machen. Echte Liebe ist meistens weniger dramatisch als im Roman.

Welche Rolle spielt Ihre fränkische Heimat für Ihr Schreiben – prägt sie Themen, Figuren oder Stimmungen?

Zugegeben – wer meine Bücher liest, sucht Franken als Schauplatz vergeblich. Meine Romane spielen hauptsächlich in England, Schottland oder Amerika. Aber natürlich steckt meine Heimat trotzdem irgendwie drin – nur eben nicht als Kulisse, sondern als Haltung meiner Protagonisten. Die fränkische Mischung aus Nüchternheit und warmherzigem Humor, die Eigenschaft das Herz auf der Zunge zu tragen – das kenne ich gut von den Menschen meiner Heimat. Und ich glaube, meine Figuren haben oft genau diese Qualität: Sie sind geerdet, sie reden nicht viel um den heißen Brei herum, und wenn sie lieben, dann richtig.

Gibt es Orte in Franken, die zu konkreten Schauplätzen oder Inspirationen für Ihre Liebesromane geworden sind? Wenn ja, warum ausgerechnet diese Orte?

Konkrete Schauplätze nicht. Aber das Gefühl bestimmter Orte ist auf jeden Fall in meine Romane eingeflossen. Wenn ich durch die fränkische Schweiz wandere und sich der Weitblick auftut, erinnert das schon sehr an die schottischen Berge. Meine Heimat in Mittelfranken hat mir beigebracht, dass die Schönheit einer Landschaft tiefe Emotionen wecken kann. Das versuche ich dann auch in meine Romane einfließen zu lassen. Dabei ist es egal, ob es sich um eine atemberaubende Steilklippe am Meer handelt, eine Orangenplantage in Kalifornien oder einen Flusslauf in England.

Wie finden Sie das Gleichgewicht zwischen Romantik, Drama und Realitätssinn in Ihren Büchern?

Das Gleichgewicht ist nicht immer wirklich ausgewogen. Und das will ich auch überhaupt nicht. Menschen greifen schließlich zum Roman, um ein wenig der Realität zu entfliehen. Das dürfen sie. Deshalb darf sich die Welt in meinen Büchern ein bisschen schneller drehen als draußen, Begegnungen dürfen einen umhauen und Zufälle dürfen sich Schicksal nennen. Deswegen schreibe ich ja auch Bücher mit Fantasyanteil. Ich halte es allerdings für wichtig, dass die innere Welt der Figuren stimmig bleibt. Die Emotionen, die Gedanken, die Reaktionen dürfen nicht konstruiert wirken. Das Drama muss sich aus echten Charakterkonflikten ergeben, nicht aus aufgesetzten Missverständnissen. Und ein bisschen Drama darf es eigentlich immer sein – ich lasse meine Helden durchaus gerne leiden. Schmerz schärft das Gefühl für das, was wirklich zählt.

Welche Genres schreiben Sie am liebsten?

Mein Herz gehört der historischen Romance, besonders dem englischen Regency. Diese Epoche hat eine unglaubliche Eleganz, klare gesellschaftliche Regeln – und gerade deshalb ist der Regelbruch so befriedigend zu schreiben. Aber ich liebe auch zeitgenössische Romane, weil man dort viel direkter und frecher sein kann.

Welche „Tropes“ schreiben sie am liebsten? Welche „Tropes“ kommen bei Ihren Leser:innen am besten an?

„Enemies to Lovers“ ist meine absolute Lieblingskonstellation – wenn zwei Menschen sich erst nicht ausstehen können und dann merken, dass die Intensität zwischen ihnen eigentlich etwas ganz anderes bedeutet. Bei meinen Leserinnen kommt außerdem der „Forced Proximity“-Trope sehr gut an – wenn Figuren durch Umstände zusammengeworfen werden und keine Wahl haben, als sich näherzukommen. Aber eigentlich richte ich mich beim Schreiben nicht nach Tropes oder Erwartungen. Ich sitze nicht da und überlege, welcher Trope ist gerade angesagt. Ich schreibe immer das, was mich gerade bewegt. Trends spielen dabei für mich keine große Rolle.

Hat sich Ihr Blick auf Liebe und Romantik verändert, seit Sie selbst schriftstellerisch so tief in dieses Thema eingetaucht sind?

Ja, definitiv. Ich sehe Liebe inzwischen viel weniger als einen Moment des Glücks und viel mehr als eine bedeutende Entscheidung. Die große Verliebtheit am Anfang ist natürlich atemberaubend und berauschend. Aber was danach kommt, das tägliche Wählen, das Bleiben auch wenn es unbequem wird, das finde ich mittlerweile viel romantischer als jeden ersten Kuss im Sonnenuntergang.

Wenn Sie den Begriff „Liebe“ in einem Satz aus Ihrer Sicht als Autorin definieren müssten – welcher wäre das?

Liebe ist, wenn einem das Wohlergehen eines anderen, seines Partners, seiner Kinder, seiner Freunde oder Familie (Liebe hat ja viele Gesichter) genauso wichtig ist wie das eigene. Liebe ist also, ohne zu zögern Opfer für die geliebte Person zu erbringen.

Würden Sie sich als eine „Romantikerin“ bezeichnen? 

Ja – aber eine mit Bodenhaftung. Ich habe das große Glück, inzwischen schon dreißig Jahre mit der Liebe meines Lebens zusammen zu sein. Darum glaube ich aus tiefstem Herzen an große Gefühle, an die wahre Liebe. Aber ich weiß auch, dass Liebe Pflege braucht. Ich bin die Art Romantikerin, die keinen Wert auf Blumen am Valentinstag legt. Für mich ist es viel wichtiger, dass ich die Liebe meines Mannes jeden Tag in Kleinigkeiten erkennen kann. Wenn er mir am Abend ansieht, dass ich noch einen kleinen Snack brauche, oder dass er mir den Rücken krault, einfach weil er weiß, wie sehr ich das genieße. Das ist für mich Romantik.

Was macht für Sie eine gute Liebesgeschichte aus? Was darf nicht fehlen?

Eine gute Liebesgesichte besteht für mich aus zwei Menschen, die sich wirklich verändern durch die Begegnung miteinander. Aus Spannung, die aus echten Charakterkonflikten entsteht. Und einem Happy End, das sie sich verdient haben, damit meine Leser es wirklich fühlen können.

Leseprobe:

Mein aktueller Roman:

Des Viscounts verführerische Diebin

Sie hat flinke Finger und nichts zu verlieren – bis ihr beides zum Verhängnis wird.

Brielle Bancroft ist gut darin, unsichtbar zu bleiben. Doch als sie einem feinen Herrn mit kühlen Augen und seiner goldenen Taschenuhr zu nahe kommt, macht sie einen verhängnisvollen Fehler: Sie wird erwischt. Von ihm. Travis Wynthorne, zweiter Viscount of Derham – und der einzige Mann in London, der nun ihr Geheimnis kennt.

Statt sie den Behörden zu übergeben, macht er ihr ein Angebot, das sie nicht ablehnen kann. Sie soll für ihn stehlen. Und dafür wird er sie in eine Welt einschleusen, die ihr fremder nicht sein könnte – als reiche Witwe, in Seide gekleidet, tanzend in den Salons der feinen Gesellschaft.

Je länger sie die Rolle spielt, desto schwerer fällt es ihr zu sagen, wer sie wirklich ist – und was sie wirklich fühlt. Tagsüber ist sie die Lady, die er sich ausgedacht hat. Doch was in den Nächten geschieht, war nie Teil ihres Abkommens, und die Grenzen zwischen Auftrag und Begehren verschwimmen.

Denn Travis sieht sie. Nicht die Lady, die er erschaffen hat. Sie. Und nichts hat sich je besser angefühlt.

Doch als das falsche Spiel in sich zusammenbricht und der Verdacht auf Brielle fällt, muss sie sich entscheiden: Weglaufen – oder um das kämpfen, was sich ein Mädchen von der Straße besser nie erträumt hätte …

 

 

So würde ich den Roman beschreiben:

Mein aktueller Roman „Des Viscounts verführerische Diebin“ spielt im London der Regency-Ära und dreht sich um Brielle Bancroft – eine junge Frau, die gut darin ist, unsichtbar zu bleiben, und die das auch für sich so braucht. Sie lebt am Rand der Gesellschaft, sie stiehlt, sie überlebt. Bis sie an den Falschen gerät: Travis Wynthorne, Viscount of Derham, ein Mann mit kühlen Augen und noch kühlerer Beherrschung – und plötzlich kennt er ihr Geheimnis.

Statt sie auffliegen zu lassen, macht er ihr ein Angebot: Sie soll für ihn stehlen, eingeschleust in die feine Gesellschaft als reiche Witwe, in Seide gekleidet, tanzend in Salons, die ihr fremder nicht sein könnten.

Was mich an dieser Geschichte so gereizt hat, ist genau diese Spannung zwischen Lüge und Wahrheit. Brielle spielt eine Frau, die sie nie war – und verliert sich dabei immer mehr darin, wer sie vielleicht sein könnte. Und Travis sieht das. Er sieht nicht die Lady, die er erschaffen hat. Er sieht die Frau, die ihr ganzes Leben damit verbracht hat, nicht gesehen zu werden. Und das ist das Gefährlichste überhaupt.

Das ist für mich die eigentliche Liebesgeschichte: nicht das Begehren, das kommt sowieso – sondern dieser Moment, in dem jemand aufhört, sich zu verstecken. Wenn man plötzlich merkt, dass man sich etwas erträumt hat, das man sich besser nie hätte erträumen sollen. Und dann trotzdem darum kämpft.

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